Samstag, 26. Juli 2008

Das seltsame Leben des Magnus Vates
Kapitel IV

Es war mitten in der Nacht. Magnus saß im Schneidersitz auf dem Bett. Er genoss die Stille. Doch es war eine trügerische Stille. Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Doch Magnus war vorbereitet. Gut vorbereitet und definitiv besser als  s i e  dachten. Doch wie alles so weit kommen konnte, war ihm unerklärlich. Klar, er hasste seinen Job. Er hasste es, sich verstecken zu müssen, doch er hatte doch eigentlich immer getan, was  s i e  von ihm wollten.

Er saß oft so in seinem Bett. Seit einigen Wochen jeden Tag. Ohne Ausnahme. Veränderungen gingen in ihm vor. Im Alter von fünf Jahren empfand er das letzte Mal so. Damals, als  e s  aus ihm heraus brach.

Er lebte mit seinen Eltern auf einer Hofreite weit außerhalb der nächsten Dörfer. Tiere waren stets um ihn herum und manchmal seine einzigen Gesprächspartner, wenn seine Eltern wieder einmal unterwegs waren und sich um die Notwendigkeiten, die ihr Hof mit sich brachte, kümmerten. Oft bis spät in die Nacht. Irgendwann hatte Magnus entdeckt, dass er fühlen konnte, was die Tiere wünschten. Er fütterte sie, wenn er spürte, dass sie Hunger haben, gab ihnen zu trinken, wenn er merkte, sie waren durstig. Irgendwann ging es weiter. Er begann ihre Ängste zu spüren. Die Ängste der Schweine vor der Schlachtbank. Die Abneigung, die die Kühe empfanden, wenn sein Vater die Melkmaschine in Gang brachte. Selbst die Furcht, die Mäuse empfanden, wenn sie im Heuschober, stets auf der Hut vor den Katzen des Hofes, nach Nahrung suchten. Es wurde Tag für Tag intensiver. Und schlimmer zu verkraften. Je weiter sich der Tag entfernte, als er den ersten Durst eines Tieres spürte, desto schlimmer wurden die Empfindungen, die seinen Geist und sein Herz füllten. Nicht nur ein Tier, alle Tiere gelangten nach und nach in seine Empfindungen. Alle zur gleichen Zeit. Es fühlte sich an wie tausend Stimmen, die durcheinander in ihm sprachen, ohne dass er die Sprache verstehen konnte. Er wurde jeden Tag panischer, ohne das er seinen Eltern erklären konnte, was mit ihm passierte. Kein Arzt konnte ihm helfen. Letztlich gaben jedoch seine Geschichten von den Stimmen der Tiere den Ausschlag, dass man ihn in ein Sanatorium für Kinder einwies. Doch jedes Mal, wenn Tiere in seine Nähe kamen, kehrte mit den Stimmen auch die Panik in seine Augen zurück. Eine schwere Ochlophobie attestierte man ihm, weil man es nicht besser wusste. Dabei waren Menschen gar nicht sein Problem.

So verbrachte er seine Kindheit, bis  s i e  auf den Plan traten. S i e  holten ihn raus und erklärten ihm, was er war. Ihm, einem inzwischen achtjährigen Jungen, der nichts von dem verstand. Doch im Laufe der Jahre, die er in  i h r e r  Obhut war, lernte er, sich gegen die Gefühle abzuschotten und sie nur noch bewusst zuzulassen. Und er lerne, dass die Empfindungen nur die Spitze des Eisberges waren. Sie waren nur Sendungen, die er empfing. Doch er konnte auch selbst senden. Senden und das Programm selbst gestalten. Anfangs war es noch schwierig. Doch je einfacher das Lebewesen, desto schneller hatte er es unter Kontrolle. Irgendwann als Teenager hatte er den Dreh dann raus. S i e integrierten ihn wieder in die Gesellschaft. Er ging auf eine normale Schule, lebte wieder bei seinen Eltern, doch während die anderen Kinder Katz und Maus spielten, spielte er wirklich Katz und Maus.

Doch das war Jahre her. Seine Eltern sah er nur noch zu Geburtstagen und an Weihnachten. Aber so ist das nun mal, wenn man älter wird, dachte er. S i e  hatten ihm jedenfalls einen großen Dienst erwiesen. Ohne  s i e  wäre er vermutlich wahnsinnig geworden. Doch als er  i h n e n  die Veränderungen, die in ihm seit wenigen Wochen vorgingen voller Stolz erläutert hatte, spürte er plötzlich Feindseligkeit. Also zog er sich wieder zurück und behielt für sich, was noch in ihm vorging. Er testete dann und wann, wie weit er war. Natürlich gab es Unfälle, doch  s i e  hätten ihm ja helfen können. Er spürte, dass da noch mehr war. Dass noch mehr seinen Weg ins Freie einforderte. Und  s i e  spürten das auch, was  auch der Grund für den Besuch war, den er gebührend zu empfangen plante.

Magnus wusste nicht, weshalb er es plötzlich spürte, doch er spürte es. Sie kamen. Wie er es erwartet hatte. Wie schon vielen andere vor ihm, sandten  s i e  auch ihm einen ihrer Meuchelmörder. Magnus hob seine linke Braue. Sie sind zu zweit. Starke Kräfte. Unterschiedliche Kräfte. S i e  mussten wirklich Angst vor dem haben, was sich in ihm entwickelte. Dann spürte er einen Stich durch seinen Kopf fahren und verlor sie. Nichts mehr. Er strengte sich an, doch belohnte ihn nicht die geringste Spur für seine Anstrengungen. Keine Wahrnehmung mehr. Was soll's?, dachte er sich. Ich weiß ohnehin, dass ihr da seid.

So viele Veränderungen gingen in ihm in den letzten Wochen vor. Wie damals, als er noch Kind war. Doch seinerzeit wurde er panisch. Er glaubte, den Verstand zu verlieren. Heute war es anders. Er ließ die Veränderungen kommen. Ließ zu, dass sie ein bewusster Teil von ihm wurden. Dennoch kam es überraschend für ihn. Vor wenigen Wochen dachte er noch, ein Tierflüsterer zu sein, wäre seine Bestimmung.

Kaum, dass der letzte Gedanke den bewussten Teil seines Gehirns erreicht hatte, sah er auch schon die Klinke seiner Tür sich nach unten neigen. Magnus setzte sich gerade hin und hielt die Taschenlampe bereit. Die Tür öffnete sich. Magnus knipste sie an und schaute in zwei überraschte Gesichter. Fast zur selben Sekunde hob der blonde Hühne, der im Türrahmen erschienen war, seine Arme und ein helles Blitzen wuchs zwischen seinen Fingern. Magische Energie. Auch das hatte er erwartet. Jetzt hieß es handeln. Im Bruchteil einer Sekunde war er in die Ganglien tausender von Fliegen eingedrungen, die er seit Stunden an seiner Decke zu einem unruhigen schwarzen Teppich angesammelt hatte und ließ sie zeitgleich einen schützenden Vorhang zwischen ihm und seinen gedungenen Mördern aufbauen. Hoffentlich reichte der kurze Lichteinfall der Taschenlampe, um ihre Körper reflektierend werden zu lassen, hoffte er inständig, als er sich ruckartig zur Sicherheit vom Bett fallen ließ. Aus den Augenwinkeln erkannte er noch, dass der kleinere der beiden Assasinen, die Gefahr nahen sah und seinen Partner warnen wollte. Doch es war bereits zu spät. Die Energie entlud sich in dorthin, wo er zuvor saß, wo nun sein Schutzvorhang, ein unruhiger Spiegel aus unzähligen Insekten, bedrohlich summte, und wurde in alle Richtungen gebrochen und zerstreut. Er spürte den Schmerz seiner sechsbeinigen Verbündenden wie Myriaden feiner Nadelstiche in seinem Kopf. Aber er spürte noch etwas anderes. Zwei magische Präsenzen und deren großen Schmerz.

Als er aufstand, lagen vor der Tür zwei qualmende menschliche Körper, um sie herum ein stinkender Teppich verglühter Schmeißfliegen. Einige wenige krabbelten auf dem Parkett des Schlafzimmerbodens herum, ziellos im Kreis, und würden auf kurz oder lang ebenso verenden. Die zwei Begabten lagen gekrümmt bewegungslos vor ihm. Die Präsenz des Großen war gerade verblasst, als der Kleine zitternde Augenlider öffnete.

Wohl eher Klasse sechs, dachte er und hauchte mit dem letzten Gedanken sein Leben aus.
„Das scheint mir auch so, oder?“, fragte Magnus die letzten überlebenden Fliegen und öffnete ein Fenster für sie. Dann machte er sich daran, die richtigen Tiere für die Leichenbeseitigung zu orten. Nicht, dass er noch Ärger mit Frau Hansen bekäme. Er mochte seine Vermieterin sehr.

Kapitel III | Kapitel V

Kommentare:

  1. Interessanter Abwehrzauber! Ein grandioser Telepath, dieser Magnus. Wie langweilig sich da die magischen paar Energiebällchen ausnehmen! - Schön erzählt auch: die zwei Seiten seiner besonderen Kräfte...

    AntwortenLöschen
  2. Nun, ich dachte, er würde einen Spiegel verwenden, um die fiesen Strahlen zu reflektieren, dachte, er würde zu etwas Simplem greifen, das die zwei mit extremen Kräften Begabten nicht erwarten würden.
    Die Fliegen waren natürlich weitaus einfallsreicher! ;)
    Ich bin gespannt, wie sich Magnus weiter behaupten wird und was für Kräfte sich in ihm Bahn brechen werden.

    AntwortenLöschen
  3. Ich habs noch nicht gelesen, bin auf der Arbeit, dafür zu lang.
    Nur warum hast du ihn umbenannt? (siehe überrschrift!) Und das erdreiste ich mir anzumerken, der Vertipper vor dem Herrn! :-)

    AntwortenLöschen
  4. Spannend, richtig spannend. Diese Einer-gegen-die-Macht-Geschichten sind sonst nicht so meine, aber die hier ist klasse:-)
    Lily

    AntwortenLöschen
  5. @mkh
    Vielen Dank. Die Sache mit dem Anleuchten der Fliegen, um ihre Reflektion zu verstärken, ist übrigens fiktiver Natur, ein rein dramaturgisches Element. Wer erschrickt sich nicht, wenn sich einer im Dunkeln von unten anleuchtet. Selbst ein Klasse sechs und ein Klasse neun Begabter ;-)

    @meise
    Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht. Ärzte sagen ja auch nicht einfach: "Sie sind krank."
    Und gespannt wie's weitergeht bin ich ebenso ;-)

    @NW
    Und das mir *gg*
    Bin aber gespannt, was Du dazu schreibst, wenn Du es erst mal lesen konntest ...

    @lily
    Vielen lieben Dank. Interesse für ein nicht gerade von Ihnen bevorzugtes Genre wecken zu können, macht mich sehr stolz *freu*

    AntwortenLöschen
  6. Nun gut, nun gut! Lasst die Spiele beginnen!
    Aber ich bin immer noch fasziniert, das zwei verkohlte Körper noch in der Lage sind sich zu regen!? Für mich bedeutet "verkohlt" immer noch "kaputt, zerstört", aber das ist Makulatur.

    AntwortenLöschen
  7. Mit Kohle möchte ich meine Kurzgeschichte wirklich nicht beflecken. Wenn sich einer mit dem verköhlern auskennt ... ;-)
    Habe sie zu qualmenden Körpern gewandelt.

    AntwortenLöschen
  8. Vermutlich zucken verkohlte Muskeln noch, wenn sie denn abkühlen... grusel.

    AntwortenLöschen