Dienstag, 10. April 2018

Frühjahrsputz oder Was wenn wir nicht bunkerten, sondern teilten

„Ich konsumiere sehr kritisch. Dreimal vor dem Kauf überlege ich mir, ob ich etwas tatsächlich brauche, ob es nur nett wäre, es zu besitzen, oder ob mir gar eine pfiffige Werbefirma nur einen Bedarf eingeredet hat. Das mache ich inzwischen recht erfolgreich und kaufe kaum mehr Materielles.“

Nachdem ich diese ersten Zeilen geschrieben habe, greife ich in meine Schreibtischschublade und möchte einen Gedanken notieren, der mir währenddessen kam. Ich ziehe einen Stift. Lila? Nein. Ich ziehe einen weiteren. Rot? Nein! Dann ziehe ich einen leeren Füllfederhalter, dann einen zu dicken Filzstift, bis ich endlich einen Kugelschreiber in der Hand halte. Beim Griff zum Notizblock erlebe ich das Gleiche. Ich wühle mich durch Unmengen ungenutzter Klarsichthüllen und zahlreiche leere Schnellhefter, bis ich den obersten einer Großfamilie von Notizblöcken entnehmen kann. Der Gedanke, den ich hatte, ist inzwischen weg. Ich schreibe dennoch etwas nieder: „Ausmisten!“
Kritischer Konsum ist gut und wichtig. Er spart Ressourcen, denn was nicht gekauft wird, muss letztlich nicht produziert werden. Er spart zudem Geld, denn was ich nicht kaufe, lässt mir Mittel für Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Was ist aber mit all dem, das wir schon haben? Wie wäre es mit kritischem Besitz? Es ist doch nicht damit getan, in die Zukunft zu blicken, solange die Vergangenheit noch so viel Potential hat.

Ich zähle meine Stifte. Es sind 67 Stück, von denen ich allenthalben einen zur selben Zeit nutze, und selbst den nur selten, da ich das meiste inzwischen unmittelbar als elektronische Notiz speichere, die ich im Gegensatz zum papiernen Pendant sogar mit einem Fälligkeitstermin versehen kann. Das macht die Notizblöcke natürlich noch unsinniger. Auch sie zähle ich. Es sind 22. 
Ich überlege mir, wie viele Ressourcen all die Stifte und Blöcke in Summe bindeten, wenn es in jedem Haushalt so aussähe. Zwei Wälder sparten wir vermutlich ein. Einen oberhalb der Grasnarbe, der der Papierherstellung zum Opfer gefallen wäre, und einen unterhalb, der vor Millionen Jahren schon zu Erdöl wurde und als Plastikhüllen all diese Filz- und Kugelschreiberminen ummantelte.
Wie viele Menschen müssten darüber hinaus weniger Stifte und Blöcke kaufen, wenn sie nicht in Herden zusammengerottet, lichtscheu ihr einsames Dasein in den Schränken und Schubladen der Nation fristeten, sondern verteilt würden?



Ich schaue, was noch so alles in meinem Büro zu finden ist, das ich nicht nutze. Meine Schubladen antworten: Wasserfarbkästen, Buntstifte und Hefterlaschen bis hin zu CD- und DVD-Rohlingen, die ich, seit es USB-Sticks gibt, nicht mehr angefasst habe – lediglich zweimal bei Umzügen. Der Blick schweift durch meine Wohnung und zeigt viele Schrankregale, Schubladen und Ecken, in denen sich durchaus nützliche Gegenstände mit einer Patina aus Staub gegen die Entdeckung tarnen mögen. Ich muss es nur angehen, denke ich mir, und verschiebe es enthusiastisch auf einen unbestimmten regnerischen Sonntag. Dann krätscht der Öko in mir den erfahrenen Prokrastinateur brutal zur Seite und, um diese Riesenaufgabe zu bewältigen, entsteht die Idee einer 30-Tages-Challenge. Den ganzen April setzte ich täglich etwas Neues frei und verschenke es, ist der Plan. Das befreit nicht nur die Schubladen. Vielleicht möchtet ihr euch anschließen. Auf dem Blog und in Facebook folgen der Challenge schon einige. Noch nicht ganz so viele wie Stifte in meiner Schublade sind. Aber das zu überbieten, liegt ganz in euren Händen. Greift zu!

Dieser Beitrag steht als Podcast zur Verfügung:

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